...und eine Inszenierung des Literaturkurses der Q1 unter der Leitung von Frau Klever, die vorführt, wie ambitioniertes Schultheater aussehen und ein Publikum begeistern kann.

Wir haben es hier mit einem Stück zu tun – eigentlich zwei – das seinem Namen vollumfänglich gerecht wird. Denn hier zerreißt es überall. Die Handlung selbst erinnert allein schon durch das szenische Pingpong aus zwei Handlungssträngen an ein Scherenschnittmuster. Führt in dem einen Falle eine Trennung zu Leid und Einsicht, so entwickelt sich der andere Teil des Stückes zu einem Justizdrama, das vor Wendungen und Kabalen nur so strotzt.

Die von den Schülerinnen des Kurses selbstgeschriebenen Szenen enthalten dabei Figuren, die zugleich original und exemplarisch sind und die das Aus-den-Fugen-geraten-sein dieser unserer Welt im Mikrokosmos der dramatisch inszenierten Nähebeziehungen abbilden.

Stilsicher inszeniert Regisseurin Klever das Stück mit Blick für das Gesamte und das Detail. So, wenn etwa die einzelnen Szenen von sägenden Klängen einer E-Gitarre zusammengebunden und zugleich durchbrochen und damit im Hegelschen Sinne aufgehoben werden oder wenn vorgetragene Rilkegedichte die dargestellte Handlung in Anlehnung an einen griechischen Chor in wissend ironischem Timbre kommentieren. Dabei bleibt – bei allem Hang zu Modernität und Wagnis – das Stück dem klassischen Schema des Dramas samt retardierendem Moment und Katastrophe treu.

Auch die Schauspieler tragen ihre Rollen zumeist mit Verve und Energie vor und man kauft ihnen die dramatischen Verwicklungen jederzeit ab. Insbesondere die Hauptdarstellerinnen Jenina, Esila, Marie und Immanuel spielen hier groß auf und zeigen wirkliches Geschick in der Verschmelzung mit ihren Rollen. Ein besonderer Kniff am Ende nährt dann sehr wohl den Verdacht, dass unser Dichterfürst (Goethe!) mit seiner Bestimmung der Kunst als Vexierspiel sich gegenseitig ineinander abspiegelnder Gebülde recht gehabt haben könnte, denn der Schluss zeigt vor einem Spiegel vorgetragene Statements reflexiver Einsicht seitens der Figuren, deren Einlösung allerdings offen – ein sogenanntes Happy End glücklicherweise aus und dem wissenden Zuschauer Gott sei Dank erspart – bleibt. Die Darbietung wurde vom begeisterten Publikum aus Lehrenden, Lernenden und Elternschaft denn auch frenetisch beklatscht und die Jungdarstellerinnen holten sich in professioneller Manier ihren verdienten Applaus ab. Und auch der Schulleiter Lars Schnor hob im anschließenden Gespräch mit mir (Lb) die professionelle Darbietung hervor, die von reduzierten, jedoch gekonnt eingesetzten Licht- und tontechnischen Mitteln abgerundet wurde – Blaulicht in den Polizeiszenen oder Spotlights bei den Gedichtvorträgen seien hier exemplarisch genannt. Und auch, dass das Miteinander zwischen Lehrenden und Lernenden im Rahmen der dramatischen Kunst anders als im sonstigen schulischen Alltag funktioniert, bewies das Stück: Herr Limbeck spielte mit und neben den Schülerinnen die Rolle eines korrupten Richters – wohl auch zur Überraschung des Publikums.

Bleibt abschließend festzuhalten: Nähekonstellationen führen hier zu Anspannung und werden auf die Zerreißprobe gestellt. Ständig sind dort Figuren sich nah, zusammen, treten in Beziehung und zugleich verweisen ihre Taten und Aussagen auf traurige oder narzisstische oder letztlich ausweglose Formen von Einsamkeit. In diesem Stück ist der Name Programm. Recht so!

Text: Simon Limbeck

     
      
     
 
     
 
     
 
     
 
     
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